Systematische Rundumversorgung als Schlüssel einer erfolgreichen Vogelhaltung, Teil 1

Text und Grafik: Rolf Lüscher, CaraBird GmbH, Rümlang ZH

Zusammen mit einem artgerechten Lebensraum ist die Ernährung (oder noch umfassender: die Versorgung) das wichtigste Thema in der Vogelhaltung und –zucht. Aus verschiedenen Gründen kommt der Aufgabe einer vollständigen, breiten Versorgung nach wie vor häufig nicht die angemessene Bedeutung zu, obwohl verschiedentlich Hoffnungsschimmer erkennbar sind und die Praxiserfahrungen klar in diese Richtung weisen. Mit dem systematischen Ansatz kann die umfassende Versorgung auf einfache Weise gewährleistet werden – immer im Sinne und zum Wohle der Tiere. 

Was ist „systematische Rundumversorgung“?

Basis der systematischen Rundumversorgung ist ausschliesslich das Vogelbedürfnis (natürlich unter Berücksichtigung der jeweiligen Vogelart). Damit sind bereits alle Faktoren, die dem Vogelbedürfnis zuwiderlaufen, ausgeschlossen. Mit der Systematik soll nun sichergestellt werden, dass die Vogelbedürfnisse vollständig und – ebenso wichtig – kontinuierlich abgedeckt werden. In den nachfolgenden Ausführungen wird von Tieren ausgegangen, die grundsätzlich keine anormalen Auffälligkeiten zeigen und/oder Krankheitssymptome vorliegen bzw. vermutet werden. Die systematische Rundumversorgung ist eine Daueraufgabe mit primär präventivem Charakter und ersetzt eine allfällig nötige tierärztliche Betreuung nicht, wobei in den meisten Fällen der Stellenwert des hier beschriebenen Vorgehens nochmals deutlich höher ist.

Die Ziele dieses Vorgehens

Im Vordergrund steht zweifellos die aktive Förderung und Pflege der Gesunderhaltung und des Wohlergehens. Diese zwar klingende Aussage verbindet sich automatisch mit einer Vielzahl von Verantwortlichkeiten der Vogelbesitzerin / des Vogelbesitzers, die im Prinzip nie genügend gewichtet werden können. Es handelt sich um eine Pflicht während des gesamten Lebenszeitraums des Tieres, unabhängig von Jahresphasen, die noch separat zu betrachten sind.

Die erwähnte übergeordnete Absicht unterstützt weitere Zielsetzungen wie die optimale Vorbereitung für die Brut und gesundheitlich beste Voraussetzungen der Elterntiere für die Aufzucht. Hinzuweisen wäre an dieser Stelle, dass die Pflege der gesundheitlichen Verfassung nicht mit einer Zuchtvorbereitung beginnen kann. Vielmehr müssen die Elterntiere zu diesem Zeitpunkt bereits uneingeschränkt „auf dem Damm sein“, um Brutkomplikationen und das Risiko genetischer Fehler beim Nachwuchs so weit wie möglich minimieren zu können.

Desweitern soll mit diesem Vorgehen erreicht werden, dass die Vögel mit einem gestärkten Immunsystem generell resistenter sind und Stresssituationen aller Art besser verkraften. In belasteten Phasen wie der Mauser sind zwar noch zusätzliche, spezifische Massnahmen angezeigt; die systematische Rundumversorgung bietet aber bereits das Fundament, „auf das sich weiter bauen lässt“.

Die Hemmnisse, die es zu beachten gilt

Ausgehend von der Basis aller Ueberlegungen, also dem Vogelbedürfnis, sind die Hemmnisse dort vorhanden, wo sie diesem zuwiderlaufen. Dies wären schwerpunktmässig folgende:

  1. Fehlende Information bzw. Unwissen. Die vorhandene Informationsfülle wäre riesig, auch wenn eine gewisse Selektion durchaus sinnvoll ist. Andererseits besteht die Möglichkeit, proaktiv bei Fachstellen und Fachleuten Beratung einzuholen.
  2. Festhalten an bestehenden eigenen Vorstellungen. Die hier vorgeschlagene Rundumversor-gung lässt ohne weiteres Spielraum, sofern die Befriedigung der Vogelbedürfnisse nicht nachteilig tangiert wird.
  3. Uebertragung menschlicher Wertekriterien auf die Tiere, im Besonderen die Fütterung mit nicht vogelgerechten Produkten.
  4. Die Argumentation mit damit verbundenen Kosten, wobei es vielfach ein Trugschluss ist, dass eine systematische Rundumversorgung à priori teurer ist. Andererseits entsteht eine gewisse Problematik, diesbezügliche Auslagen in Vergleich zu den Bedürfnissen der Vögel zu setzen.

Es lässt sich unschwer feststellen, dass somit jede Vogelhalterin / jeder Vogelhalter die Versorgung in eigener Kompetenz und in eigener Verantwortung „im Griff“ hat. Umso erfreulicher ist die Tatsache, dass zahlreiche Halterinnen und Halter (bzw. Züchterinnen und Züchter) die systematische Rundumversorgung zum Teil konsequent, zum Teil in unterschiedlicher Ausprägung, erfolgreich praktizieren.

Die Messbarkeit der systematischen Rundumversorgung

Wir sprechen von Lebewesen, weshalb keine absolut rationale Messbarkeit möglich ist. Trotzdem gibt es verschiedene Indikatoren, die sichtbar auf eine erfolgreiche Rundumversorgung schliessen lassen:

  • das allgemeine Verhalten ist in jeder Beziehung uneingeschränkt. Vitalität und Leistungs-fähigkeit sind unter normalen Bedingungen sichtbar hoch.
  • Körperbau, im Speziellen auch Augenpartie und Beine, und das Gefieder lassen selbst bei kritischer Betrachtung darauf schliessen, dass keine Mängel vermutet werden müssen oder vorhanden sind.
  • insgesamt trägt eine umfassende Rundumversorgung entscheidend dazu bei, dass die Lebenserwartung je nach Vogelart erreicht werden sollte. Ueber einen längeren Zeitraum und soweit nachvollziehbar bei längerfristiger Haltung wird der Altersdurchschnitt steigen. Mit grosser Sicherheit liegt eine falsche oder fehlerhafte Versorgung zu Grunde, wenn die Tiere nicht annähernd eine durchschnittliche Lebenserwartung erreichen.  

Im Falle genetischer Handicaps kann zwar auch mit einer systematischen Rundumversorgung die massgebende Ursache nur äusserst selten eliminiert werden (meistens nicht). Die Bedeutung des hier postulierten Vorgehens nimmt aber gleichzeitig abermals zu, weil einerseits das Immunsystem weiter gestärkt werden muss und zweitens das Tier zumindest nicht noch weitere Mangelerscheinungen hat. Im zweiten Teil dieses Berichts wird nochmals darauf eingetreten.

Es gibt somit zahlreiche Indikatoren, die in der Gesamtheit auf erfolgreiche Auswirkungen schliessen lassen und jederzeit eine eigene Beurteilung durch den Vogelbesitzer ermöglichen.

Die systematische Rundumversorgung im Ueberblick

Mit den erwähnten Zielsetzungen muss die Systematik in der Gesamtheit Gewähr bieten, dass sowohl in der Bandbreite, in der Tiefe, wie auch in zeitlicher Hinsicht keine Lücken entstehen. Als Erstes findet eine Zerlegung in die zentralen Teile statt, woraus sich vorerst folgende vier Säulen ergeben:

  1. Säule: Grundnahrung (Körnerfutter)
  2. Säule: Frischfutter
  3. Säule: Vitaminen/Futterzusätze/Zusatzfutter (inkl. Aufzuchtfutter/evtl. Insekten)
  4. Säule: Mineralien / Spurenelemente (inkl. Einstreu / Grit)

Das Prinzip gilt grundsätzlich für alle Vogelarten in Gefangenschaft, wobei bei einzelnen Vogelarten spezifische Bedingungen gelten. Hier geht es primär um die Grundsätze und nicht um Spezialitäten, weshalb Ergänzungen höchstens am Rande erwähnt sind. Sie lassen sich aber problemlos im System integrieren.

Aus diesem Grunde folgen beispielsweise keine weiteren Ausführungen zu Insekten. Nicht integriert ist auch das Keimfutter, das leider trotz hohem Nährwert immer weniger praktiziert wird. Es lässt sich problemlos mit dem System vereinen und kann nur empfohlen werden. Eine Abhandlung zum Einstreu findet nur statt, soweit dies erforderlich ist und in Zusammenhang mit den Mineralien steht. Desweitern nimmt die Säule 2, Frischfutter, eine Sonderposition ein und wird im Folgenden nur so weit ausgeführt, als es für das Gesamtsystem und die Positionierung erforderlich ist. Im zweiten Teil des Berichts nimmt der Verfasser auch kurz zu Pellets Stellung.

Nachfolgend ein grafischer Ueberblick wie beschrieben:Ueberblick systematische Rundumversorgung

Wir haben also einerseits ein Gesamtsystem, andererseits ein Splitting in vier Bereiche, wobei jeder Bereich selbst qualitativ hochwertig und vollständig zu sichern ist. Das Ganze muss dann im Ueberblick harmonieren und führt zu einer systematischen Rundumversorgung. Im Normalfall sind keine Lücken mehr vorhanden, die zu (allenfalls sogar nicht als solche empfundene) Mangelerscheinungen führen könnten. Dadurch wird mit der Systematik die Gesundheit und das Wohlergehen längerfristig, konstant und aktiv gefördert.

Das System macht möglicherweise einen komplizierteren Eindruck als es in Wirklichkeit zu handhaben ist. Das zeigen die Erfahrungen zahlreicher Praxisanwender/innen, da sich Automatismen und Routine ergeben. Zudem halten sich sowohl Kosten wie Aufwand im Rahmen. Eine Grundversorgung, die die lebenswichtigen Vogelbedürfnisse bereits vollständig abdeckt, ist mit relativ geringen Mittel möglich. Selbstverständlich gibt es dann zahlreiche Alternativen und Varianten, die Grundversorgung zu erweitern und abwechslungsreicher zu gestalten – im Interesse der Tiere.

Entscheidend ist nun, die vier Säulen mit Inhalt zu füllen und letztendlich festzustellen, dass die Vogelbedürfnisse im Gesamtsystem abgedeckt sind. Im Teil 2 wird dies ausführlich behandelt.      

Rümlang, 27. März 2016

Copyright: Rolf Lüscher, CaraBird GmbH

Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verfassers